Schallplatten, CD und DVDs in Hamburg

Es gibt sie schon eine halbe Ewigkeit, die “Plattenkiste” an der Grindelallee in Hamburg. Wobei sie nicht immer da war, wo sie jetzt steht. Aber sie befand sich seit 1982 im Quartier.

Informieren und Shoppen im Web

27 Jahre lang ist der Laden von Daniel Böhner Treffpunkt für Musik- und Plattenliebhaber im Universitätsviertel. Abgegriffene Langspielplatten auf der Fensterbank, neue Compact Discs auf dem Verkaufstresen. Regale voll mit Musik.
Ursprünglich gab es die Plattenkiste an der Rutschbahn und an der Rappstraße. Böhners Mutter Dagmar und ihr Mann Ingo teilten die Leidenschaft des Plattensammelns.

“Als für die unzähligen Scheiben in der Wohnung kein Platz mehr war, haben wir sie im Keller gehortet und uns entschlossen, das ganze Repertoire in einem Laden feilzubieten”, sagt Dagmar Schophoff.

Vor zwei Jahren hat die 67-Jährige die Plattenkiste endgültig an ihren Sohn übergeben. Nach wie vor hilft sie tageweise aus.
Und während Dagmar und Daniel Plattengeschichten aus der Kiste erzählen, werden die Kunden freundlich bedient. Die neue “Snow Patrol”? Ist noch nicht da. Liebhaberei, Leidenschaft. Der Laden lebt von Sammlern und Suchenden. “Hier findet man das, was man nicht sucht. Wir sind auf den stöbernden Kunden angewiesen”, sagt Böhner.

Es ist ein Stück Hamburger Musikgeschichte, die in der Plattenkiste konserviert wird. Und trotz aller Nostalgie ist auch sie zur Anpassung verpflichtet.

Klar ist, dass es sich im Laden um analoge Medien handelt. Kein Runterladen, keine sogenannten digitalen Datenträger. Keine MP3s, keine iPods. Es geht um Cover, um das Artefakt. Und trotzdem kommt auch Böhner nicht um das Internet herum. Er braucht es, um zu recherchieren, um das Tempo mitgehen zu können, schlicht – um zu verkaufen. “Vor acht Jahren hat sich das Internet im Laden etabliert.

Ursprünglich lebten wir den Laden, nun lebt man die Musik im Netz. Das Fachwissen kommt daher. Erlesen ist das alles nicht. Und man merkt, wie man sich selbst vom Liebhaber zum Verkäufer verändert”, sagt Böhner.

Verständlich, zumal die Plattenkiste seit jeher ein breites Spektrum an Musik anbietet. Klassik, Pop, Rock ‘n’ Roll, Jazz.

“Wir setzen keine Schwerpunkte”, sagt der 39-Jährige und begrüßt nebenbei Holger, der jeden Tag vorbeikommt. Holger Wierzchacz ist 52 Jahre alt und gehört zur Plattenkiste, wie der Hafen zur Stadt gehört. Die halblangen grauen Haare hinter die Ohren gekämmt, Jeansweste unter der dunklen Lederjacke, Totenkopf-Ring am Finger, schwarze Jeans, wache Augen, hohe Turnschuhe. Er war einer der ersten Kunden, damals. Und kommt noch heute vorbei, ist LP-Experte. Vor einem Vierteljahrhundert hat er schon stundenweise ausgeholfen. “Zudem hat man sich zwei Mal in der Woche getroffen, Platten aufgelegt, Musik gehört. Ich vermisse diese Zeiten”, gibt Wierzchacz zu. Er ist ein Beat-Sammler: Stones, Pretty Things, The Kings – 1960er-Garagen-Musik.

Im vergangenen November ist die Plattenkiste noch einmal umgezogen. Drei Häuser weiter. Von der Grindelallee 41 an die 37. Die Gründe liegen nahe: “Die Schulhofpiraterie”, wie Böhner das Downloaden und Brennen nennt, hat sich auch auf die Plattenkiste ausgewirkt. “Die Technik wurde schneller.

Zu Weihnachten schenkt der Enkel dem Opa einen MP3-Spieler und erzählt ihm gleich, wie er funktioniert”, sagt Böhner. Erst versuchte er im alten Haus die Verluste mit einem kleinen Gastro-Bereich aufzufangen. Es funktionierte nicht. So wenig wie der Videoverleih “Filmgarten”, Hausnummer 37, sich rentierte. Die Gründe waren dieselben: Die Leute laden sich Filme aus dem Internet oder bestellen sie über Amazon. Und deshalb übernahm Böhner den Filmgarten, packte alles unter ein Dach und verkauft jetzt auch DVDs. “Wir können davon leben, werden auf keinen Fall reich. Da steckt viel Leidenschaft drin”, so Böhner.

Alteingesessene Kunden betreten den Laden, gehen ferngesteuert auf ihre Sparte zu, blättern durch, grüßen den Chef und ziehen wieder ab. “Solche Leute brauchen eine Ordnung. Wenn wir den Laden umstellen, dann ist das Gebrüll groß. Gewohnheitstiere, Sammler halt”, sagt Dagmar, die merkt, dass Stammkunden aussterben.

Ihr Sohn hat als kleiner Junge die Kisten genagelt, die jetzt noch vor der Tür stehen. Der Lütte legte damals beim Pink-Floyd-Konzert im Stadtpark den Rasen mit Zetteln aus, klebte am Grindel die Wände voll, wenn wieder eine Plattenbörse angekündigt werden musste. In den Ferien hat er mit einer elektrischen Waschmaschine die LPs gewaschen und dafür von Mama pro Stück 30 Pfennig erhalten.

Schon immer hat die Plattenkiste angekauft. Bei Wohnungsräumungen werden uralte Sammlungen angeschleppt. Viel Ramsch, aber auch Perlen. Böhner kauft Masse und verkauft weiter – nicht nur im Laden: “Mein Geschäft im Internet ist groß geworden. Ein Ende der Online-Entwicklung ist nicht abzusehen.” Trotzdem ist auch eine Gegenbewegung auszumachen: “Die CD wird verschwinden. Mich freut, dass Jung und Alt wieder auf die Platte zurückgreifen. Die gute alte Scheibe wird überleben”, sagt Wierzchacz. Und seine Augen funkeln.

Besuchen Sie die Plattenkiste im Web.

Unsere Anschrift:
Plattenkiste
Grindelallee 37
20146 Hamburg     Lageplan

Tel. 040 – 451 859
info [at] plattenkiste.eu

Dieser Beitrag wurde von ROGER STILZ geschrieben und erschien am 22. Mai 2009 in der Zeitung “Die WELT”.

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Veröffentlicht am 5. Juni 2011 um 22:20 · Permalink : Kategorie Musik und Film
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